Wie viele Inhaftierte studieren in einem Schweizer Gefängnis?

Studieren hinter Gittern? So einfach ist das nicht | Bild: JVA Lenzburg (Pixabay)
Studieren hinter Gittern? So einfach ist das nicht | Bild: JVA Lenzburg (Pixabay)

In der Schweiz gibt es kaum Insassen einer geschlossenen Justizvollzugsanstalt, die an einer Uni oder FH ein Fernstudium absolvieren. Etwas anders sieht dies in unserem Nachbarland Deutschland aus. 

Gelegentlich ist in den Medien zu lesen, dass Gefangene während dem Justizvollzug studieren. Besonders der Fall des norwegischen Massenmörders bleibt in Erinnerung: Dieser widmet sich einem Fernstudium der Politikwissenschaften an der Universität Oslo. Aber auch der Vierfachmörder von Rupperswil sagte Mitte März vor Gericht, er möchte von der Zelle aus ein Studium in Angriff nehmen: Zur Diskussion stehe ein Wirtschaftsstudium.

Doch so einfach, wie das klingen mag, ist es nicht. Auf Anfrage sagt etwa der Direktor der Lenzburger Justizvollzugsanstalt, Marcel Ruf, ihm persönlich sei aktuell kein Insasse bekannt, der an einer Uni oder FH studiere. Denn im geschlossenen Vollzug sei das fast unmöglich. Etwas anders sehe es im offenen Vollzug aus.

Ähnlich tönt es bei der JVA Pöschwies. «Wir haben schon seit vielen Jahren keine Gefangenen mehr, welche ein Studium an einer Uni oder FH absolvieren», sagt Bruno Altorfer. Er ist Leiter Schule/Freizeit und Öffentlichkeitskontakte bei der Regensdorfer Strafanstalt. Ausnahme seien Teilnehmer an der Fernuniversität Hagen. Es gebe immer wieder Gefangene, welche über die Fernuni in Nordrhein-Westfalen einzelne Module belegen, so Altorfer.

Internetzugang als grösstes Hindernis

Oftmals verunmöglichen Präsenz-Veranstaltungen oder Prüfungen ein Studium im Gefängnisalltag. Je nach Uni, Fakultät oder Professor sind diese zwingend oder unter bestimmten Voraussetzungen in der Anstalt durchführbar, wie Altorfer weiter erklärt. «Eine grosse Hürde sind auch die geforderten persönlichen e-mail-Adressen, der Internetzugang, die e-learning-Plattformen und der Datenaustausch». Schon aufgrund dieser Forderungen sei ein Studium in der Anstalt oft nicht möglich. Ähnlich sei es mit der Matura.

Klar gibt es hin und wieder einzelne Gefangene, die Fernkurse oder gewisse Fächer belegen. Aber ein volles Studium ist selten. Zahlen zu Inhaftierten in der Schweiz, die zum Beispiel an der deutschen staatlichen Fernuniversität Hagen studieren, gibt es nicht. Der Grund sind Datenschutzregeln und die Einschreibordnung, die es verbieten, bei der Einschreibung nach diesen Sachverhalten zu fragen, wie es auf Anfrage heisst. «Es wäre also reiner Zufall, wenn wir davon Kenntnis erhalten», sagt Pressesprecherin Susanne Bossemeyer. Aktuell liegen der Fernuni Hagen zu Inhaftierten aus der Schweiz keinerlei Informationen vor.

200 Inhaftierte studieren online hinter Gittern

Während auch hierzulande an der Fernuni Schweiz aktuell kein Fall bekannt ist, studieren in Deutschland eine ganze Reihe Personen, die in Justizvollzugsanstalten einsitzen. Schätzungen gehen bis zu 200 Inhaftierten aus, die ein Fernstudium absolvieren: Bachelor, Master, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Informatik, Rechtswissenschaften. Wie viele Abschlüsse schliesslich daraus resultieren, ist nicht bekannt.

Bekannt ist aber: Im Nachbarland Deutschland bieten etwa eine Handvoll JVAs wie Freiburg, Berlin oder Würzburg Räume zum Lernen an. Mit Computer mit speziellen Internetzugängen, über die sich nur die e-learning-Plattformen der jeweiligen Studienanbieter erreichen lassen – sogenannte «untertunnelte Leitung». Es herrschen strenge Kontrollen: Kameras, E-Mails an Professoren werden gelesen, Vollzugsangestellte kontrollieren, womit die Studierenden sich beschäftigen.

Man darf schliesslich die Frage stellen, ob es in Ordnung ist, dass Gefangene studieren dürfen – auf Kosten des Steuerzahlers? Und es drängt sich die Frage auf, ob es von Nutzen ist? Denn viele Arbeitgeber sind vorsichtig, wenn sie einen ehemaligen Strafgefangenen einstellen sollen. Doch anderseits haben die Vollzugsanstalten den Auftrag, die Inhaftierten möglichst gut auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten: Resozialisierung. Wie auch immer. Eines ist klar: Eine Studentenkarriere hinter Gittern, die auch noch mit akademischen Weihen endet, dürfte auch in Deutschland ein Ausnahmefall bleiben.

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